Männer, Frauen und die bunte Fahne. Debatten über die Fußball-EM

Im Moment findet wieder so ein Fußballturnier statt. Jaja, die europäische Meisterschaft ist das, ich weiß schon, ich habe mich kundig gemacht. Ich muss gestehen: Die Spiele selbst interessieren mich wenig. Noch weniger deren Ausgang. Als Spiegel der Gesellschaft aber, und wegen der Debatten um dieses Ereignis herum, ist mir das ganze doch einen Beitrag wert.

Erst einmal hat Fußball ja viel mit Männern und Frauen zu tun. Traditionell dürfen nur Männer mitspielen, wie der Begriff „Mann“-schaft schon nahelegt. Kickende Frauen müssen unter sich bleiben, das nennt sich dann „Frauenfußball“, im Prinzip ist das wie Geschlechtertrennung im Schulunterricht vor hundert Jahren — hoppla, das gibt es ja stellenweise heute noch, ich verdränge das immer. Inzwischen gibt es auch Turniere der weiblichen Variante, aber wenn zu solchen Anlässen jemals das „Sommermärchen“ ausgerufen worden ist, muss das an mir vorbeigegangen sein.

Das mit der Mann-schaft kann man zu wörtlich nehmen

Warum eigentlich? Wenn man sich wirklich für den Sport (bzw. das aus-dem-Sitzen-Zugucken) begeistert, sollte es doch irrelevant sein, ob da Männer oder Frauen über den grünen Rasen laufen. Ist es aber nicht. Selbst bei peripheren Aktivitäten wie der Berichterstattung sind Frauen so gut wie nicht vertreten, und weibliche Sportmoderatoren scheinen für manch einen immer noch ein Unding zu sein.

Versuchen wir mal, das zu verstehen. Historisch sind Mannschaftssportarten aus körperlichen Ertüchtigungsmaßnahmen zur Vorbereitung auf den Kriegsdienst entstanden: Verfolgt man das lange genug zurück, landet man irgendwann im antiken Griechenland. Dort hatten Frauen außerhalb des häuslichen Bereichs wenig verloren, außer vielleicht zum Wasserholen. Zwar wurde mit Athena einer weiblichen Gottheit die größte strategische Expertise zuerkannt, man darf aber wohl kaum davon ausgehen, dass deswegen sterbliche Frauen bei militärischer Planung um Rat gefragt wurden.

Unter dem Aspekt nationalstaatlicher Konkurrenz ist der Fußball tatsächlich als Ventil für Aggressionen gelobt worden, die sich dort unblutig entladen könnten. Im Grunde ist das trivial: Das Bedürfnis, eigene Unzulänglichkeiten zu kompensieren, indem eine äußere Gruppe zum Gegner erklärt wird, dessen Überwindung die eigene Gruppe zusammenschweißt, ist einfach menschlich. Dieses Bedürfnis in besonderem Maße zu verspüren, so glauben viele, sei typisch männlich.

Männer spielen Krieg, Frauen stehen dekorativ daneben?

Daraus lässt sich eine wenig schmeichelhafte Begründung ableiten, warum Fußball Männersache ist und wozu internationale Meisterschaften taugen. Das ist erstens grenzwertig polemisch, zweitens vielleicht überholt. Immerhin sind Frauen inzwischen ja für den Dienst an der Waffe zugelassen, da sollte der Dienst am luftgefüllten Lederball doch ein Kinderspiel sein. Die strenge Geschlechtertrennung im Mannschaftssport halte ich jedenfalls für unzeitgemäß. Sind nicht gerade im Fußball Kooperation, Taktik und Psychologie wichtig? Jeder dieser Aspekte könnte von gemischten Teams doch nur profitieren. Warum sollte sich, was beim Tennis im Kleinen funktioniert, nicht auf größere Maßstäbe übertragen lassen?

An dem Eindruck, dass der Sport sich von gestrigen Rollenbildern nicht ganz befreien kann, ist aber auch dessen Vermarktung schuld, die kaum ein Klischee auslässt. Eine Zusammenstellung solcher Negativbeispiele bietet pinkstinks. Dort wird auch die Institution der „Spielerfrau“ einer Kritik unterzogen, ein Begriff, bei dem sich mir schon immer die Fußnägel hochgerollt haben. Wenn ich mir vorstelle, meine Freundin würde bei irgendeinem Turnier antreten und das würde zum Anlass genommen, mich öffentlich als „Spielerinnen-Mann“ zu bezeichnen und eine Diskussion darüber geführt, ob ich sexy genug angezogen bin — nein, so richtig kann ich mir das nicht ausmalen, das Bild ist zu absurd.

Männer sollen also Weltmeister werden, Frauen gut aussehen. Bestätigt sehen sich da viele durch mangelnde Sachkenntnis der Damen, was ihnen gern vorgehalten wird. Selbst in Fällen, in denen das zutrifft, muss man das mal von der anderen Seite betrachten: Wem es an Begeisterung für das Spiel als solches mangelt, beweist in meinen Augen soziale Kompetenz mit der Bemühung, der Sache doch noch etwas Interessantes abzugewinnen. Manchmal ist das vielleicht nur „Fleischbeschauung“ oder die Gelegenheit, in der Pause off topic Konversation zu betreiben — aber die Alternative wäre völliges Desinteresse und konsequenterweise auch das Fernbleiben vom gemeinschaftlichen Zugucken. Wäre ich ein Fan, wüsste ich jegliches Interesse von Nichtfans zu schätzen.

An bunten Fahnen sollte man sich nicht aufhängen

Wenn die Geschlechterfrage gerade mal nicht verhandelt wird, geht es oft um den richtigen Umgang mit nationalen Gefühlen. Man solle nicht mit Deutschlandfahnen wedeln, fordert die Grüne Jugend Rheinland-Pfalz in den sozialen Medien unter Verweis auf den ausgrenzenden Charakter von nationalen Denkstrukturen.  Dafür muss der Parteinachwuchs gerade eine Menge Gegenwind aushalten. Über das Niveau der Auseinandersetzung kann sich jeder selbst ein Bild machen — schade, dass ein entspannter Dialog über diese Frage immer noch so schwierig ist.

Die Grüne Jugend meint es gut mit ihrem Vorstoß, aber was da am Ende herausgekommen ist, lässt sich kaum als hilfreicher Beitrag bezeichnen. Wer unter nationalistischen oder rassistischen Vorzeichen bei der EM mitfiebert oder im schlimmsten Fall mitprügelt, kann das mit oder ohne Fahne tun, und umgekehrt ist man kein militanter Nationalist, nur weil man beim Turnier eine der Mannschaften farbenfroh anfeuert. Genau genommen konstituiert ein solcher Vorwurf exakt die Art von abwertender Generalisierung, welche eigentlich kritisiert werden sollte.

Klar, Nationalstaaten sind unter verschiedenen Aspekten problematische Konstrukte, und über Alternativen sollte nachgedacht werden. Solange solche noch fern liegen, sollte man aber das Beste daraus machen. Es ist im Gegenteil eher zu bedauern, dass das allgemeine Zusammengehörigkeitsgefühl, wie es bei sportlichen Veranstaltungen zu beobachten ist, oberflächlich wirkt und nicht über die Dauer der Turniere hinaus lebendig bleibt. Das „Wir-Gefühl“ beschränkt sich auf einen unverbindlichen Begeisterungssturm, der im Ergebnis kein größeres Interesse am Wohlergehen der Gemeinschaft zu motivieren vermag. Bezeichnenderweise nutzt die Politik solche Phasen bevorzugt, um unpopuläre Gesetzesentwürfe zur Abstimmung zu bringen.

Wer nur spielt, um zu gewinnen, hat schon verloren

Liebe Fußballfans und Nichtfans, Jungs und Mädels, Deutsche und Nichtdeutsche — bleibt locker, bleibt fair. Es gibt eine Bedeutung des Begriffs „sportlich“ im Sinne von „Sportsgeist“, die manchmal ins Hintertreffen gerät. Besonders schade ist es, wenn Nationalspieler auf ihre Vorbildfunktion pfeifen und für den Sieg vorsätzlich Regeln oder gar ihre Mitspieler verletzen, und dafür noch großen Applaus ernten. Es sollte nicht nur zählen, was am Ende in der Tabelle steht.

Ein Tunnelblick auf die Schattenseiten würde das Ideal der Fairness jedoch ebenso verfehlen. Hier verläuft die Grenze zwischen dem „Fußballmuffel“ und dem „Fußballhasser“. Während ersterer einfach indifferent ist, nimmt letzterer die mit solchen Turnieren verbundenen Unannehmlichkeiten — Lärm, Pöbler, Alkoholleichen — zum Anlass, unverhältnismäßig hart mit den Fans ins Gericht zu gehen. Ich nehme mich da auch selbst in die Pflicht. Zwar benehmen sich immer Leute daneben, und manche sogenannte „Fanclubs“ sind tatsächlich nur Schlägertrupps. Aber das ist nicht die Mehrheit.

Auf der Sonnenseite der EM lebt der feste Wille, eine friedliche internationale Veranstaltung zu ermöglichen. Dort ist die Gelegenheit, in kollegialer Atmosphäre dem Alltag zu entfliehen. Überhaupt ist jeder Anlass, bei dem es nicht nur um Geld geht, lobenswert. Und viele von jenen, die eine bestimmte Mannschaft anfeuern, wünschen durchaus auch den anderen Erfolg, das weiß ich aus Erfahrung. Ich selbst bin da freilich neutral, möge das beste Team gewinnen 😉

In diesem Sinne: viel Spaß noch bei der EM, und auf dass sich aus den Debatten etwas für die Zukunft mitnehmen lässt. Falls jemand etwas über spannende Modellprojekte im Mannschaftssport mit gemischten Teams weiß, lasst es mich wissen!

Nachdenkliche Grüße

euer Vielfrager

 

Europa: überall nur Väter (AfD #2)

Kopfkino an: Ich sitze noch im Seminar über dem blind ausgeteilten Text, den Vorspann und das erste Kapitel habe ich bereits durchgearbeitet. Ich nehme stirnrunzelnd zur Kenntnis, dass der zweite Abschnitt statt einem klassischen politischen Kernthema den „Euro und Europa“ zum Thema hat. Das finde ich vor allem deswegen ungewöhnlich, weil sich für Europapolitik bekanntlich kaum jemand interessiert.

Die Autoren haben auf diesem Gebiet drastische Veränderung geplant. Die Europäische Union soll zurückgeführt werden in eine „Wirtschafts‐ und Interessengemeinschaft souveräner, lose verbundener Einzelstaaten“. Also zurück zur EWG — klingt reaktionär. Die nächste Zwischenüberschrift bereitet mir leichten Schauder: Ein Europa der „Vaterländer“ wird gefordert. Meine erste Assoziation mit diesem Ausdruck ist immer ein preußisches Schützenregiment aus dem 18. Jahrhundert. Wer schreibt denn heutzutage noch sowas? Diese Wortwahl kann doch beim Leser nur entweder antiquiert oder militaristisch-rechtsnational anmuten. Ich nehme die NPD in die Kandidatenliste auf.

Keine Solidarität mit Nichtdeutschen

Warum denn nun eigentlich die EU aufgeben? Es heißt, man wolle keine „Transferunion“, stattdessen sollen „zentralistische Tendenzen“ bekämpft werden. Wenn es so ein Zentrum gäbe, wäre das nicht im Wesentlichen Deutschland? Zumindest kann wohl kein anderer Staat in Europa größeren Einfluss für sich in Anspruch nehmen. Also, aus deutscher Perspektive verstehe ich diese Kritik weniger, das hätte ich eher aus Griechenland erwartet. Dass europäische Solidarität in jeder Form abgelehnt zu werden scheint, überrascht mich weniger. Das ist die alte Leier, niemand will was abgeben: Süddeutschland nicht an Norddeutschland, Westdeutschland nicht an Ostdeutschland, Nordeuropa nicht an Südeuropa, Westeuropa nicht an Osteuropa, Europa nicht an Afrika und so weiter und so fort.

Die EU wird als „undemokratisches Konstrukt“ kritisiert. Das demokratische Defizit ist ein allgemein anerkanntes Problem, nicht gerade innovativ. Interessanter wären Lösungsvorschläge, aber für etwas Besseres als den Strom gleich ganz abzudrehen, scheint es nicht gereicht zu haben. Die EU wird im Folgenden als etwas analysiert, dass eigentlich niemand will. Ein „europäischer Großstaat“ soll da „gegen den offenkundigen Mehrheitswillen der Völker“ durchgesetzt werden. Ob das so stimmt? Bei den entsprechenden Referenden gab es bislang noch keine Mehrheiten für einen EU-Austritt. Mal gucken, was die Briten demnächst entscheiden. Die steile These mit dem Mehrheitswillen unterkringele ich, da fehlt es mir an Belegen.

Nationale Einigung: hui, europäische Einigung: pfui

Die Verfasser bringen übrigens ihre Überzeugung zum Ausdruck, dass ein weiteres politisches Zusammenwachsen von Europa undenkbar sei: „irrational und nicht zukunftsfähig“, heißt es. Allein der Nationalstaat könne den Bedürfnissen des Menschen gerecht werden. Woher nehmen die bloß diese Gewissheit? Vielleicht hätten die Verfasser mal ein paar Semester in Geschichte belegen sollen. Deutschland war schließlich, wie andere Staaten auch, früher ein ethnisch-politisch heterogenes Gebiet. Es gab Zeiten, da hätte sich der Westfale eher die Kugel gegeben, als mit dem Rheinländer etwas zu schaffen zu haben.

Das mit der deutschen Einigung scheinen die Autoren ganz großartig zu finden, aber alles andere soll ausgeschlossen werden. Einerseits menschlich, andererseits kurzsichtig, finde ich. In zweihundert Jahren lachen sich die Leute vielleicht tot über den Nationalismus des 21. Jahrhunderts… in jedem Fall sehe ich nicht, wie man Integrationsprozesse gleichzeitig verherrlichen und verteufeln kann. Vielleicht mit einer komplizierten Theorie über natürliche Grenzen von Kooperation, die aus genetisch-sozialen Grundbedingungen folgen? Dann müsste man aber wieder erklären, warum es Staaten in den unterschiedlichsten Größen gibt. Vorerst muss das wohl ungeklärt bleiben.

Deutschland: wirtschaftlicher Verlierer der EU?

Auf den restlichen vier Seiten geht es um Finanzpolitik. Nicht meine Stärke, aber die Grundlagen bekomme ich hoffentlich auf die Reihe. Also: Der Euro wird als „grundlegende Fehlkonstruktion“ bezeichnet, ein „Experiment“, welches zu beenden sei. Das Kernproblem: Die armen Staaten leihen sich von den reichen Geld und zahlen es nicht zurück, die Geberländer können keinen Druck auf die Nehmerländer ausüben, mittelfristig führt das zum wirtschaftlichen Totalkollaps. Klingt nach einer einseitigen Darstellung — zu den treibenden Kräften, auch hinter der Währungsunion, zählen wirtschaftliche Lobbys, die kaum uneigennützig agieren werden.

Es mag flach klingen, aber zu den wenigen unhintergehbaren Konstanten der Weltgeschichte gehört meiner Erfahrung nach der Grundsatz ‚Geld bewegt die Welt‘. Das ist nicht zynisch gemeint, zweifellos reicht die materielle Perspektive nicht zur Erklärung von geschichtlichen Vorgängen aus. Aber die Gefahr, ihre Bedeutung zu unterschätzen, ist groß. Eine realitätsnahe Darstellung muss berücksichtigen, in welcher Weise Deutschland vom Euro profitiert, erst dann können Vor- und Nachteile gegeneinander aufgerechnet werden. Ist das Ergebnis tatsächlich so negativ, wie die Verfasser behaupten? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Ich werde mich damit irgendwann einmal gründlicher befassen müssen. Ich finde es schwierig, mir als Laie eine Meinung zu kontroversen Wirtschaftsfragen zu bilden, über welche sich Experten schon nicht einig werden. Mit einer logischen Analyse der Argumente kommt man nicht weit: Am Ende läuft es immer auf empirische Thesen hinaus — „Maßnahme A bewirkt X“ versus „Maßnahme A bewirkt Y“. Wem soll man da glauben?

Banker, die Verantwortung übernehmen. Ein Oxymoron?

Was jedenfalls gut klingt, ist die Forderung, Banken für dubiose Geschäfte mit dem Geld der Bürger zur Verantwortung zu ziehen: „Handlung und Haftung müssen beieinander bleiben.“ Ich habe sowieso nie verstanden, warum die das dürfen. Da bin ich wohl zu links, in meinen Augen ist schon die Erfindung von Zinsen ein langfristiger Denkfehler. Aber das ist ein anderes Thema 😉 Zu den Banken scheint es tatsächlich konkrete Vorschläge zu geben, aber ob die was taugen, kann ich ad hoc nicht beurteilen. „Systemrelevante Banken müssen […] durch Verzehr des Eigenkapitals und dann durch Umwandlung von Fremdkapital in Eigenkapital rekapitalisiert werden.“ Bitte was? Zu viel Kapital auf einmal, das muss ich mir mal von einem Mathehirn erläutern lassen (Freiwillige bitte vortreten).

Zweites Zwischenfazit: Verquaste Thesen zum Thema Nationalstaat, unangenehme Vokabeln. Unentschieden für die finanzpolitischen Thesen, da bin ich nicht der richtige Ansprechpartner. Die Devise in Sachen Europa lautet: Nachbessern lohnt nicht, besser alles abschalten. Gerade macht Polen mit dem Aufbau einer Guerilla-Miliz auf sich aufmerksam, Vorsorge gegen eine russische Invasion. Gruselig. Selbst, wenn das nur ein PR-Stunt ist. So selbstverständlich, wie viele heute glauben, ist der Frieden in Europa leider nicht. Ich bezweifle, dass wir es uns leisten können, da den Kopf in den Sand zu stecken — ein Gedanke, der noch nachklingt, als ich das nächste Kapitel aufschlage. Die Kommilitonin auf der Fensterseite ist schon wieder weiter als ich, verflixt! Ich muss wohl das Tempo anziehen.

Konzentriert grüßt

euer Vielfrager

Watership Down: kurzweilige Geschichte mit langohrigen Helden

Kaninchen sind dumm, ängstlich, und für Kinder über acht Jahre als Haustiere zu langweilig. Mit diesem Bild brach der britische Schriftsteller Richard Adams, als er 1972 seinen Debütroman „Watership Down“ (dt.: Unten am Fluss) vorlegte: Gestützt von den Erkenntnissen der 1964 unter dem Titel „The Private Life of the Rabbit“ publizierten Studie des Naturforschers Ronald Lockeley gelang es Adams, die unscheinbaren Tiere als Protagonisten für ein bewegendes Epos nutzbar zu machen.

Wie viele in meiner Generation machte ich als Kind schaurig-schöne Bekanntschaft mit dem Zeichentrickfilm von 1978, der mir düster und brutal, aber auch magisch und mitreißend in Erinnerung geblieben ist. Nachdem die Buchvorlage lange auf meiner Leseliste versauerte, habe ich die Lektüre jetzt hinter mir und möchte aus diesem Anlass die erste Rezension auf vielfrager.de vorstellen 🙂 [Ich hatte mir zu Weihnachten die 2012 neu aufgelegte Originalversion aus dem Penguin Verlag schenken lassen, die — wie ihr oben sehen könnt — wunderschön gestaltet ist.]

Das Tierische als das Beste im Menschen

Für alle, die den Film als Trauma erlebt haben, möchte ich zunächst Entwarnung geben: Der Roman ist weniger bedrückend und in der Darstellung auch nicht ganz so drastisch. Adams versteht es, seine Leser innerhalb kürzester Zeit für die dichte Atmosphäre und die glaubwürdigen Figuren seiner fiktiven Welt zu interessieren. Besonderes Fingerspitzengefühl beweist er mit der Gratwanderung zwischen Menschlichkeit und Tierhaftigkeit: Obgleich in manchen Belangen überraschend anthropomorph, sind die Details über die Lebensweise von Wildkaninchen lehrreicher als so mancher Dokumentationsfilm.

So lernen wir etwa die soziale Hackordnung im Bau kennen, erfahren von den Wanderschaften der jungen Rammler (m) und dass trächtige Zibben (w) Embryonen bei Nahrungsknappheit vor der Geburt reabsorbieren können. Es wird dargestellt, wie Kaninchen ihre Tunnelsysteme anlegen, nach welchem Tagesrythmus sie schlafen und fressen, wie sie sich gegenseitig vor Feinden warnen und nötigenfalls unter vollem Körpereinsatz zur Wehr setzen. Das Verhalten der Tiere wird aus einer fingierten Innenperspektive psychologisch aufbereitet, wobei der fiktive intellektuelle Überbau oftmals in Widerstreit zu den ’natürlichen‘ Anlagen gerät.

Das Menschliche als das Beste im Tier

Einen schmerzhaften Spagat vermeidet Adams durch eine Reihe von schriftstellerischen Kniffen. So sind die Gefährten des im Zentrum der Handlung stehenden Hazel ganz unterschiedlich begabt: Der unkonventionelle Blackberry rettet die Gruppe in einem der ersten Kapitel, indem er ein Stück Treibholz als Floß einsetzt. Die übrigen Kaninchen begreifen nur schwer, dass ein Gegenstand im Wasser Auftrieb haben kann, diese Idee bleibt ihnen fremd. In brenzligen Situationen tut sich der bullige Bigwig mit seinem ungewöhnlichen Agressionspotenzial hervor, aber immer besteht die Gefahr, dass die Kaninchen erstarren, aus Angst oder weil sie von künstlichem Licht geblendet werden.

Trotz des detailverliebten zoologischen Gerüsts ist Watership Down kein „Buch über Kaninchen“. Diese bilden nur den Ausgangspunkt für eine differenzierte Gegenüberstellung menschlicher Fähigkeiten. Hoffnung, Mitgefühl, Loyalität, Neugier, Cleverness, Kooperation, Mut, Opferbereitschaft, Gerechtigkeitsempfinden und Humor stehen den langohrigen Helden nicht nur gegen „die Tausend“ Fressfeinde zur Seite. Die tierischen Antagonisten in Adams‘ Fantasiewelt sind am bedrohlichsten in ihrer menschlichen Dimension, die Grausamkeit, Hass, Neid, Engstirnigkeit, Selbstverliebtheit, Feigheit und ideologischen Fanatismus offenbart.

Odysseus war ein Kaninchen

Manifest werden diese in den Gesellschaftsformen, welche die Gruppe um Hazel auf ihrer Odyssee kennenlernt. Auf verschiedene Weise entartet, fußen diese doch auf einer allen Kaninchen gemeinsamen Kultur. Dazu gehören eine Mythologie und Sprache, in die der Leser ausgewählte Einblicke erhält. Zentrale, alltägliche Begriffe werden in der Kaninchensprache dargestellt und der gelungene Spannungsbogen durch Binnenerzählungen aufgelockert: Der talentierte Geschichtenerzähler Dandelion referiert episodenhaft die Taten des mythischen Kaninchenvorvaters El-ahrairah, der durch List und Einfallsreichtum seinen Feinden stets ein Schnippchen schlägt und sie durch elaborierte Streiche bloßzustellen weiß.

Watership Down ist ein vielschichtiger Text. Auf den ersten Blick sehen wir ein Kinderbuch mit niedlichen Tieren, auf den zweiten eine hintergründig vermittelte Dokumentation. Mit fortschreitender Handlung zieht das spannende Abenteuer unsere Aufmerksamkeit auf sich, eine Geschichte über Heimatsuche, Selbstfindung und schwierige Entscheidungen. Darüber hinaus erkennen wir zwischen den Zeilen auch den einen oder anderen politischen Kommentar. Das Herz — oder die Seele — des Werks ist aber eine anthropologische Diskussion: Was macht den Menschen aus, worin bestehen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Tieren? Ist es gut oder schlecht, sich über die „natürliche Ordnung“ zu erheben? Was sind Gut und Böse, und haben Tiere daran Anteil?

Das Sexismusproblem, welches vielleicht gar keins ist

So offen und aufrichtig diese Betrachtung geführt wird, akzeptiert sie doch manche Prämissen, die wir nicht teilen müssen. Ausgehend von der zoologischen Perspektive sind alle Protagonisten männlich, die weiblichen Kaninchen verhalten sich (mit einer Ausnahme) passiv, kommen nur selten zu Wort und sind im Wesentlichen zum Gebären der Nachkommen und zum Graben des Baus da. Dies hat, wohl im Bemühen um politische Korrektheit, bei der Verfilmung von 1978 zur Schaffung einer zusätzlichen Figur geführt: Nach den Warnungen des prophetischen Fiver verlässt dort mit Violet auch ein Weibchen zu Beginn der Handlung die alte Heimat.

Ob das transportierte Frauenbild der Biografie des Autors geschuldet ist und als sexistische Indoktrination gelten muss, oder vielmehr als konsequente Umsetzung der zoologischen Grundlagen gewürdigt werden sollte, sei für diese Rezension dahingestellt. In jedem Fall wird man, ich möchte es nicht verschweigen, weder Erotik noch romantische Liebe zwischen den Buchdeckeln finden. Diese Aspekte wurden den Kaninchen bei aller Vermenschlichung vorenthalten; ein Sexualtrieb ist vorhanden, ist aber stets nur für die Fortpflanzung relevant. Alles andere hätte vielleicht das empfindliche Gleichgewicht gestört und die Figuren zu Menschen in Tierkostümen degradiert. Ich schätze Disney, aber genau diesen Punkt empfand ich bei der Lektüre als faszinierende, wohltuende Abwechslung.

Filmische Umsetzungen, neuer Serienstart 2017

Ende der neunziger Jahre wurde Watership Down als Zeichentrickserie neu adaptiert, wobei vor allem auf eine „kindgerechte“ Darstellung Wert gelegt wurde. Da diese an mir persönlich vorbeigegangen ist, kann ich nur vermuten, dass sie für Erwachsene wenig zu bieten hat. Ich möchte stattdessen auf ein Projekt von BBC und Netflix aufmerksam machen, die aktuell an einer animierten Miniserie (4 x 60 min) arbeiten, welche 2017 erscheinen soll. Der Vielfrager erwartet eine aufwändige Produktion, welche den Roman hoffentlich zeitgemäß und für verschiedene Altersgruppen interessant umsetzt.

Bis dahin kann ich die Textvorlage nur wärmstens empfehlen und würde mich freuen, wenn Kenner des Buches/des Filmes/der Serie ihre Erfahrungen mit mir teilen würden.

Bleibt wachsam: Die Elil lauern überall.

Mit gespitzten Ohren

euer Vielfrager

 

 

„Alternative für Deutschland“ alternativlos? Ich lese das Parteiprogramm im Selbstversuch (Teil #1)

Zum Monatsanfang hat die AfD, nach nunmehr drei Jahren des Protestierens, auf dem Bundesparteitag erstmalig ein Grundsatzprogramm vorgelegt, welches derzeit noch geprüft wird, aber wohl keine fundamentalen Änderungen mehr erfahren wird (falls doch, werde ich diese zur Kenntnis nehmen und hier berichten). Viele Mitglieder der in der Öffentlichkeit zunächst als „eurokritisch“, später als „rechtspopulistisch“ kategorisierten Partei fühlen sich missverstanden — bemängelt wird insbesondere die Tendenz etablierter Volksvertreter, sich einer inhaltlichen Auseinandersetzung zu entziehen. Diese ist zuletzt in Medien und Politik als kontraproduktive „Dämonisierung“ kritisiert worden. Aktuelle Umfragen sehen die AfD zwischen 11 und 15 Prozent, was angesichts der Vertrauenskrise der „Großen“ eine Vermeidungsstrategie tatsächlich kaum haltbar erscheinen lässt.

Parteiprogramme werden, so wie jedes andere Schriftstück, das mehr als anderthalb Seiten umfasst und kein Unterhaltungsroman ist, im Allgemeinen nicht gelesen — schon gar nicht vom Wähler. Da ich mir aber nicht vorwerfen lassen möchte, die derzeit beliebteste unter den neuen Parteien aus Unkenntnis falsch zu repräsentieren, nehme ich die schlappen 78 Seiten auf mich und versuche, mir so unvoreingenommen wie möglich ein Bild davon zu machen, wer diese Leute sind und wen sie mit ihren Forderungen ansprechen wollen.

Angesichts der inhaltlichen Dichte wird dies eine Serie werden, deren ersten Teil ich hiermit präsentiere. Zum studentischen Drill gehörte es in meinen Fächern, die Botschaft anonymisierter Texte zu analysieren, um so Verfasser und Zielpublikum zu identifizieren. So schwer es ist, nicht an den blauen Elefanten zu denken, streiche ich das Deckblatt mit dem Parteilogo jetzt weg und bemühe meine Vorstellungskraft: Ich sitze im Seminar, der Stapel mit den Kopien wurde blind ausgeteilt. Bringen wir den Text zum Sprechen.

Politische Eierlegende Wollmilchsäue?

Die Urheber der Schrift charakterisieren sich mit prägnanten Etiketten, so dass uns anfängliches Rätselraten über das Selbstbild, welches hier kommuniziert werden soll, erspart bleibt. Zusammenfassend ergibt sich etwa folgende Beschreibung:

Wir sind eine liberale und konservative Partei der sozialen Marktwirtschaft. Wir treten ein für die Bewahrung der christlich-abendländischen Kultur, gesunden Menschenverstand sowie für deutsche Souveränität und kulturelle Identität.

Übersetzt in den herkömmlichen politischen Farbcode scheint hier — irritierenderweise — eine gelb-schwarz-rote Mischung vorzuliegen. Auch die gleichzeitige Berufung auf common sense und das Christentum birgt gewisse Widersprüche. Was hat unser Dozent da nur ausgesucht? Ich wage einen ersten Tipp und werfe die „P.A.R.T.E.I.“ in den Raum, was mir von den Kommilitonen ein paar Lacher einbringt, aber leider nicht die richtige Antwort ist.

Sprachliche Auffälligkeiten in der Präambel haben meinen Marker zucken lassen: Die Rede von einer politischen „Klasse“ legt eine Einordnung in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts nahe, die beklagte „Zerstörung des Rechtsstaates“ und das „Regime der Euro-Rettung“ fügen sich nicht so recht in die ansonsten eher nüchterne Wortwahl ein — polemisch, kritzle ich an den Rand.

Restauration oder Revolution?

Weiterhin ist die Rede von Revolutionen, in deren Tradition die Verfasser sich sehen, und zwar die von 1848 und 1989. Aha, ein terminus post quem, der Text kann frühestens aus den Neunzigern stammen. Kurz stutze ich: Was für eine Revolution war 1989 noch gleich? Gemeint sind wohl die Proteste in der DDR. Ich mache einen Kringel darunter, unter einer Revolution stelle ich mir etwas anderes vor. Und 1848 ging es doch gegen die Restauration in Europa, ein paar Zeilen darüber beanspruchen die Verfasser aber für sich, konservativ zu sein. Gar nicht so einfach.

Die „historisch-kulturelle Identität unserer Nation“ wird beschworen. Ich denke: Was ist damit wohl genau gemeint? Diese Identität ist ja gerade das, was unklar ist in Deutschland. Unsere Vergangenheit ist sehr heterogen, und heutzutage hat jeder seine eigene Vorstellung, was spezifisch deutsch ist oder sein sollte. Naja, vielleicht wird das später noch konkreter. In der Präambel heißt es, man trete für eine „gelebte Tradition der deutschen Kultur“ ein — was das wohl genau bedeuten soll? Verpflichtende Teilnahme an Karneval und Oktoberfest vielleicht. Das muss nicht sein, finde ich.

Die Illuminaten im deutschen Bundestag?

Ansonsten listen die Verfasser im Vorspann demokratische Grundbegriffe auf, wobei die „Souveränität“ überproportional betont wird. Wozu bloß? Seit der Wiedervereinigung ist Deutschland schließlich wieder souverän. Abschnitt Eins, übertitelt mit „Demokratie und Grundwerte“ vertritt jedoch eine andere Ansicht. Seit den Verträgen von Schengen, Maastricht und Lissabon sei die Volkssouveränität eine „Fiktion“. Stattdessen sei der „heimliche Souverän“ eine „kleine, machtvolle politische Führungsgruppe innerhalb der Parteien“. Jetzt kommen also die schweren Geschütze —  Verschwörungstheorien, notiere ich und ergänze inkonsistent, als ich noch auf derselben Seite von einer „Abgabe nationaler Souveränität an die EU“ lese. Gemäß Begriffsdefiniton kann es nur einen Souverän geben, und wer soll das jetzt sein: der oben genannte Geheimbund in den Parteien oder die EU?

Die Verfasser wollen Deutschland „reformieren“ und dabei „an die Prinzipien und Wurzeln anknüpfen, die erst zu seinem Wirtschaftswunder […] geführt haben“. Schwierig, denke ich. Das ‚Wirtschaftswunder‘ war, soweit mein historisches Verständnis reicht, ein Produkt der besonderen Umstände in der Nachkriegszeit. Außer durch eine Zeitreise wird man daran kaum anknüpfen können.

Das Gelobte Land in den Alpen

„Volksabstimmungen nach Schweizer Vorbild“ werden gefordert. Klingt auf den ersten Blick nicht schlecht, auch wenn der Vergleich mit Staaten, die geografisch, demografisch und wirtschaftlich von anderen Voraussetzungen ausgehen, notwendig hinkt. Es wäre vielleicht besser, unter Berücksichtigung der spezifischen deutschen Situation zu überlegen, in welchem Rahmen mehr Basisdemokratie sinnvoll zu realisieren wäre.

Ferner schreiben die Verfasser, der Staat solle sich auf Sicherheit, Justiz, auswärtige Beziehungen und Finanzverwaltung konzentrieren, Betätigung auf jedem anderen Feld bedürfe „besonderer Rechtfertigung“. Das lässt mich die Stirn runzeln, der Staat hat schließlich auch für Bereiche wie Bildung, Gesundheit und Kultur zu sorgen, was in meinen Augen nicht weniger wichtig ist (hier kommt wohl das Liberale durch, was ich mit einem Pfeil am Rand vermerke). Da ich weiß, wie schwierig die Finanzierung von Schulen, Krankenhäusern und Theatern heute schon ist, hoffe ich, dass sich nicht zu viel Liberalität durchsetzen wird.

Pessimistisches Menschenbild

Mit ihrem gesunden Menschverstand sind die Autoren offenbar zu dem Schluss gekommen, dass die Menschheit unfähig ist, sich fortzuentwickeln. „Eine Geschichtsphilosophie, die von einer Höherentwicklung der individuellen menschlichen Moral ausgeht, halten wir für anmaßend und gefährlich.“ Mir selbst wird gelegentlich eine Tendenz zum Pessimismus vorgehalten, aber die Hoffnung auf moralischen Fortschritt lasse ich mir nicht nehmen. Wenn das ein Seitenhieb gegen Hegel sein soll (den ich prinzipiell geneigt bin, zu teilen) wäre der jedenfalls erst einmal zu begründen.

Weiter heißt es, die Gewaltenteilung sei gefährdet durch den Umstand, dass bei bestimmten Ämtern die Inhaber in Personalunion Staatsbeamte und Parlamentsangehörige sind (Bundeskanzler, Ministerpräsidenten, Minister). Wenn ich das richtig verstehe, sollen diese sich in Zukunft gar nicht mehr als Volksvertreter betrachten, sondern als reine Manager fungieren. Ich überlege, in welchen Staaten das so gehandhabt wird und welche Vorteile das haben könnte. Vorerst komme ich zu dem Schluss, mich damit erst gründlich auseinandersetzen zu müssen und notiere ein Fragezeichen.

Parteien als die Wurzel allen Übels

Im nächsten Abschnitt verlassen wir die Ebene der nüchternen Überlegung wieder: Als zu bekämpfende Mißstände werden eine „Allmacht der Parteien“, eine „Ausbeutung des Staates“ sowie ein „Meinungsdiktat“ proklamiert. Generalisierend und pathetisch, vermerke ich. Unabhängig vom eigenen politischen Lager wird vernünftigerweise jeder zugestehen müssen, dass die „Macht“ in der Bundesrepublik ein Steuerrad ist, um das sich mindestens die drei klassischen Gewalten, die Medien als vierte und die Wirtschaft als fünfte, aber gewiss nicht schwächste Gruppe zanken. Wie auch immer man das aufrechnet, ich sehe nicht, wie man hundert Prozent Macht für die Parteien herausbekommt. Und meine Meinung lasse ich mir von niemandem diktieren — ist man nicht selbst schuld, wenn man das zulässt? Vielleicht kommt ja noch jemand und versucht meinen Blog zu schließen. Bis dahin hebe ich mir meine Sorgen aber für Näherliegendes auf.

Im letzten Teil des ersten Abschnitts geht es um die Finanzierung des politischen Apparates. Um Kosten zu sparen, sollen die Parlamente verkleinert werden. Zur Plausibilisierung dieser Forderung werden die USA herangezogen, wo ein Volksvertreter viel mehr Wahlberechtigte vertreten müsse als in Deutschland. Ok, könnte hier auch funktionieren… allerdings geht das in meinem Kopf nicht zusammen mit der Forderung nach mehr Demokratie und dem Elitarismusvorwurf an die Politik. Ich vermerke ein Kreuz und ein Ausrufezeichen für innerer Widerspruch.

Weniger Demokratie ist mehr. Oder so

Ich gelange zu dem Schluss, dass sich der Angriff der Verfasser eigentlich gegen die repräsentative Demokratie als solche richtet. Das Amt des Volksvertreters wird als regelrechtes Feindbild präsentiert, Politiker sollen weniger Geld bekommen, weniger Einfluss haben und für neu definierte Verbrechen vor Gericht gestellt werden. Es schimmert also tatsächlich eine gewisse Revolutionsatmosphäre durch. Wenn ich mich mal in der Welt umschaue, erscheint es mir aber fraglich, ob ausgerechnet in Deutschland ein Volksaufstand eine angemessene Lösung für gesellschaftliche Probleme sein kann.

Erstes Zwischenfazit: Ein Teil der Forderungen referiert Allgemeinplätze aus dem breiten gesellschaftlichen Konsens, etwa die Eindämmung von Lobbyismus. Dadurch gelingt es den Verfassen, bei mir Zustimmung zu bewirken. Von anderen Parteien abheben können sie sich damit jedoch nicht: Klar, das mit der Politikverdrossenheit ist ein enormes Problem, aber wer bemängelt diese Zustände nicht? Andere Positionen und Thesen wirken auf mich unverständlich oder gar absurd, eine innere Kohärenz ist nur bedingt gegeben. Ich vermute eine zu große Anzahl von Köchen, welche die Programmsuppe gekocht haben. Diese verorte ich derzeit am ehesten im rechten Flügel der Konservativen, das liegt an dem Herumreiten auf traditioneller Kultur, Christentum und Familie sowie dem bislang fast vollständigen Fehlen von aufklärerischen Ideen. Gleichberechtigung etwa scheint überhaupt kein Thema zu sein, das finde ich peinlich, wenn der Text wirklich aktuell ist; ebenso kein Wort zu Umweltschutz, beides hätte in die Präambel gehört.

Vorerst bleibt es jedoch spannend, denn ich sitze ja noch im Seminarraum und habe gerade mal das erste Kapitel durchgearbeitet. Ob meine Sitznachbarn sich schon mit mir beraten möchten? Ich lege eine kurze Pause ein, um zu signalisieren, dass die Möglichkeit besteht 😉

Nachdenkliche Grüße,

euer Vielfrager

Aladin und Der Heilige Geist. Ein Pfingstaufsatz für Frau Merkel

Heute ist Pfingsten. Herzlichen Glückwunsch! Nein, Moment. Alles Gute! Äh… Fröhliche Pfingsten? Wie auch immer — jedenfalls handelt es sich um diesen christlichen Feiertag, von dem kaum jemand sagen kann, was da genau gefeiert werden soll. Da wird irgendwie der „Heilige Geist“ ausgeschüttet, ohne dass sich das auf dem Konto bemerkbar macht. Wie Christiane Florin bereits resümiert hat, wünscht sich die Frau Bundeskanzlerin pfingstliche [ist das jetzt ein Neologismus, oder gibt es das schon?] Besinnungsaufsätze, schreibt aber selbst keinen. Google lege nahe, dass Pfingsten für die Deutschen entweder nur als verlängertes Urlaubswochenende relevant ist oder so unvertraut, dass die Suchmaschine bemüht wird, um herauszufinden, was es damit auf sich hat. Wenn ich sie richtig verstehe, beklagt Frau Florin damit, dass ein „identitätsstiftendes Thema“ vergeudet werde, mit dem man etwas gegen die „Angst vor der Islamisierung“ tun könnte.

Heilige Schrift ≠ Kirche ≠ Gläubige

Obwohl ich selbst kein Christ bin, versuche ich immer wieder, das Christentum zu begreifen (mein Religionsunterricht in der Schule hat dazu leider nicht viel beigetragen). Diese Bemühungen werden schon im Ansatz erschwert durch den Umstand, dass es etwas völlig anderes zu sein scheint, die Bibel, die Kirche und die Konfessionsangehörigen zu verstehen: Verblüfft muss ich regelmäßig zur Kenntnis nehmen, wie wenig diese Drei sich untereinander darum scheren, was die beiden anderen sagen. Die Kirche(n) möchte ich hier außen vor lassen, zumal Pfingsten ja prinzipiell für  alle christlichen Konfessionen von Bedeutung ist. Der Literaturwissenschaftler in mir kann an der Textgrundlage nicht vorbeigehen, auch wenn ich regelmäßig von Christen gewarnt werde, man dürfe es nicht so genau damit nehmen, was da vor zwei- bis dreitausend Jahren geschrieben wurde.

Abgesehen von Übersetzungsfehlern und kuriosen Auslegungen gelte es, den Text „metaphorisch“ zu lesen und zu berücksichtigen, dass weite Teile „überholt“ sind. Nun, vor Metaphern habe ich keine Angst, und antike Texte fand ich bisher, angesichts der zeitlichen Distanz, erstaunlich zugänglich, also habe ich beherzt einfach mal die Bibel aufgeschlagen. In aller Kürze: „Pfingsten“ stammt etymologisch von pentēkostē hēméra, das ist altgriechisch für „fünfzigster Tag [nach dem Tod Jesu]“. Was sich da zugetragen haben soll, wird in der Apostelgeschichte geschildert: Der Heilige Geist, beschrieben mit den Eindrücken Sturm und Feuer, fährt vom Himmel herab in die versammelten Jünger, welche daraufhin zu polyglotten Höchstleistungen auflaufen und in den verschiedensten Sprachen „Gottes große Taten verkünden“. Die Reaktionen der Zeitgenossen reichen von „Ratlosigkeit“ bis zu der naheliegenden Einschätzung, die jungen Männer hätten wohl mal wieder zu viel getrunken (Apg. 2,1-2,13).

Nach der dritten Flasche Wein die Apokalypse?

Petrus nutzt die aufgelaufene Menschenmenge zu einer Ansprache. Den Verdacht des Alkoholismus räumt er unter Verweis auf die Tageszeit aus: Es sei ja erst neun Uhr morgens — Bewusstsein für Restalkohol war offenbar noch genauso wenig etabliert wie eine Tradition des Frühschoppens. Petrus referiert jedenfalls die apokalyptische Prophezeiung des Joël, die sich nun erfülle:

In den letzten Tagen werde ich meinen Geist auf alle Menschen ausgießen, spricht Gott. Eure Söhne und Töchter werden prophetisch reden, eure jungen Männer werden Visionen sehen und eure Ältesten Traumgesichte haben. Sogar auf die Sklaven und Sklavinnen, die mir dienen, werde ich dann meinen Geist ausgießen, und auch sie werden prophetisch reden. Oben am Himmel werde ich Wunder tun und Zeichen unten auf der Erde: Blut, Feuer und Rauchwolken; die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut, bevor der große und strahlende Tag des Herrn kommt. Jeder, der dann den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.

(Apg. 2,17-2,21, Zitat nach der Neuen Evangelistischen Übersetzung).

Anschließend wird noch einmal bekräftigt, dass Jesus auch wirklich von den Toten auferstanden, nun aber in den Himmel zurückgekehrt sei, stellvertretend schicke Gott nun den Heiligen Geist (Apg. 2,22-2,36). Daraufhin werden „alle von Furcht ergriffen“ und es kommt zu zahlreichen Bekehrungen (Apg. 2,37-2,47). Hat man das zur Kenntnis genommen, geht das große Kopfkratzen los. Das Christentum ist dem eigenen Anspruch nach eine Religion für ganz normale, durchschnittliche Leute, richtig? Demnach kann es ja nicht angehen, dass man einen theologischen Kongress einberufen muss, um zentrale Bibelstellen zu interpretieren. Mal sehen, wie weit wir ohne derartige Unterstützung kommen.

Die Erleuchtung kann man nur online bestellen

Warum lässt Jesus/Gott die Menschen allein auf der Erde zurück? Das erscheint wenig fürsorglich. Zuerst schlägt er die Menschen mit allerlei Übeln. Dann beweist er ihnen, dass er dieselben auch wieder aufheben kann, wenn ihm gerade danach ist; dabei beschränkt er sich allerdings auf vereinzelte Vorführungen. Als Ersatz für seine Dienstleistungen (von Wunderheilung bis Exorzismus) schickt er den Heiligen Geist, der auch als „Geist der Wahrheit“ bezeichnet wird, womit religiöse Erkenntnis gemeint ist, daher auch die Rede von den Propheten. Beides zusammen geht nicht, wie Jesus seinen Jüngern noch vor seiner Verhaftung darlegt (vgl. Joh. 16,4b-15). Aus irgendeinem Grund muss Jesus erst einmal zurück ins Himmelreich, bevor den Menschen die Erleuchtung postwendend zugeschickt werden kann.

Das muss man textimmanent wohl einfach akzeptieren. Die externe Motivation liegt auf der Hand: Natürlich muss jeder Mythos so enden, dass sein Wahrheitsgehalt nicht überprüft werden kann. Deshalb finden übernatürliche Dinge grundsätzlich in Vergangenheit und Zukunft statt, niemals aber in der Gegenwart. Wobei — Moment mal. Es heißt doch, die Prophezeiung erfülle sich jetzt? Der Weltuntergang lässt jedoch bis heute auf sich warten. Um diesen Schönheitsfehler zu kaschieren, machen spätere Bibelautoren geltend, das Jüngste Gericht sei zwar für einen konkreten Zeitpunkt in den ewigen Terminkalender eingetragen, es stünde den Menschen aber nicht zu, diesen zu erfahren. Ganz schön perfide.

Glauben: ein Angebot, das man nicht ablehnen kann

Ich frage mich sowieso, was an dieser feurigen Apokalypse so „herrlich“ sein soll. Nach zwei Weltkriegen ist es als Europäer schwierig, einer derartigen Vorstellung etwas Positives abzugewinnen — deshalb sind für die Untergangsphantasien ja heute auch radikale Islamisten zuständig. Das ganze ist ein billiges Druckmittel. Man wird vor eine binäre Entscheidung gestellt und eine der beiden Optionen unwählbar gemacht: Ganz schnell noch taufen lassen, sonst ist die Verdammnis gewiss. Das würde man heutzutage wohl als „Angstmache“ und „Populismus“ bezeichnen.

Für die christlichen Kirchen steht Pfingsten jedenfalls für die Gründung der organisierten Glaubensgemeinschaft, deren Frühzeit in der Bibel im Anschluss an das „Pfingstereignis“ beschrieben wird. Damit verbunden ist der Auftrag zur Missionierung: Nach Möglichkeit sollen alle Menschen bekehrt werden. Welche Mittel dabei zum Einsatz kommen dürfen, wird nicht festgelegt. Ein Schelm, wer da an Gewalt denkt. Dem Vielfrager ist beim Studium der relevanten Textstellen übel aufgestoßen, dass sich die Verbreitung der christlichen Idee offenbar auf mechanische Wiedergabe dogmatischer Inhalte beschränkt. Man hätte in die Geschichte doch wunderbar kleine Aufforderungen zu Reflexion und Selberdenken einbauen können. Der Heilige Geist wäre dann produktiver Vernunftgebrauch und würde uns helfen, moralische Gebote zu begründen.

Sexismus bei Priestern, aber nicht bei Propheten

Vielleicht wäre in der katholischen Kirche dann schon früher jemandem aufgefallen, dass Frauen offenbar genau wie Männer zum Prophetentum qualifiziert sind (s.o. die „Töchter“ bei Joël). Wie gelangt man von dieser Festlegung zu der Überzeugung, Frauen seien untauglich für Kirchenämter? Noch mehr Kopfkratzerei. Mit dem schwierigen Verhältnis vom Heiligen Geist mit Jesus und Gott und der ganzen merkwürdigen Dreifaltigkeitstheorie möchte ich mich in diesem Beitrag nicht mehr befassen, ich kann gut nachvollziehen, dass selbst christlich erzogene Bundesbürger davon nicht zu begeistern sind.

Was kann man denn nun eigentlich mit Pfingsten gegen die „Islamisierung“ unternehmen? Wir müssten zeigen können, dass ein säkulares Miteinander, wo jeder privat seine Religion (egal, welche) im Rahmen des verfassungsrechtlich bestimmten Spielraums ausüben kann, möglich und erstrebenswert, vielleicht sogar moralisch richtig ist. Das lässt sich nur schwer mit dem zusammenbringen, was ich hier erarbeitet habe. Das mag meiner Unbedarftheit geschuldet sein, hätte ich jemals anständigen Religionsunterricht gehabt, fiele mir das eventuell leichter.

Pfingstbotschaft: den Geist in der Flasche lassen

Im Grunde ist das schade, denn die Figur Jesu hat doch einiges für sich. Wenn der gerade mal nicht damit beschäftigt ist, kleinen Jungs Dämonen auszutreiben oder vom Weltuntergang zu faseln, lebt er tatsächlich auf eindrucksvolle Weise moralische Werte vor. Niemand ist perfekt, aber wir sollen uns alle umeinander bemühen, das ist doch im Allgemeinen der Tenor bei dem Schreinersohn aus Nazareth, nicht wahr? Insgesamt ist mir Jesus wirklich sympathisch. Wenn ich die Christen in meinem Umfeld richtig verstehe, ist das größte Problem an ihrer Religion die Kirche. Die beiden verhalten sich wohl in etwa so wie Realpolitik zu Parteiprogrammen: Von der Idee ist in der Umsetzung einfach nicht mehr genug zu erkennen.

Das habe ich so auch schon von Muslimen gehört. Vielleicht lässt sich daraus eine alternative Pfingstbotschaft formulieren: „Angehörige und Nicht-Angehörige jeder Religion, vertraut nicht blind auf die Vorgaben eurer geistigen Führer; seid nicht unkritisch gegenüber eurer heiligen Schrift; hört auf euer Herz, gebraucht euren eigenen Verstand!“

Vielleicht hat Jesus ja genau das gemeint, als er vom „Heiligen Geist“ sprach. Ansonsten ist es wohl besser, wenn wir aus Aladins Fehlern lernen und den Dschinn in der Flasche lassen.

Nachdenkliche Grüße,

euer Vielfrager

P.S.: Liebe Christen und Nichtchristen, was ist eure Pfingstbotschaft? Könnt ihr mein Verständnis der Apostelgeschichte vertiefen? Ob Frau Merkel mit meinem Aufsatz wohl zufrieden ist?

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Kränkung, Schmähung, Ehrverletzung — was ist des Pudels Kern?

Nicht nur das Strafgesetzbuch, auch der Duden verzichtet auf eine semantische Erläuterung unter dem Eintrag „Beleidigung, die“. Aber warum? Ist die Bedeutung zu evident, oder zu schwer zu erklären? Beleidigungen austeilen kann zumindest jedes Kind — bis zur Pubertät (in manchen Fällen weit darüber hinaus) weiden Menschen sich besonders an fäkal und sexuell konnotierten Kraftausdrücken. Genau daran denken wir zunächst: an „Schimpfwörter“.

Wikipedia betont, es gebe dazu bislang keine konsensfähige linguistische Definition, differenziert aber immerhin zwischen Vulgarismen (‚Wichser‘), diskriminierenden Schimpfwörtern (‚Spaghettifresser‘), auf Personen bezogene Fluchwörter, d.h. Verwünschungen (‚Geh und lass dich überfahren‘), und Blasphemie (‚Gott ist ein Arschloch‘). Die zuständige Teildisziplin der Sprachwissenschaft ist übrigens die „Malediktologie“ [male = schlecht, dicere = sagen, -logie = Lehre]. Großartig, nicht wahr?

Beschimpfen ist nicht dasselbe wie Beleidigen

Bezeichne ich jemanden als „Stück Scheiße“, bringe ich diese Person damit in Verbindung mit etwas, das Ekel erregt. Andere Schimpfwörter zielen auf Minderwertigkeit, soziale Stigmata, moralische Verderbtheit usw. ab — so weit, so klar. Aber nicht jeder Gebrauch von Schimpfwörtern konstituiert eine Beleidigung, und wir können uns hervorragend beleidigen, ohne Schimpfwörter zu gebrauchen. Wir brauchen also eine allgemeinere Definition; ziehen wir die Psychologie zu Rate:

(Wikipedia) Eine Beleidigung ist eine Aussage oder Handlung eines Senders, die das Ego bzw. den Stolz eines Empfängers mit negativen Emotionen assoziiert – der Kränkung – und somit herabwürdigt.

Gar nicht so schlecht. Auch Handlungen können beleidigend sein, und beleidigt sein ist in der Regel ein emotionaler Zustand. Weiterhin gilt es drei Aspekte zu trennen: Intention, Interpretation und Objektivität. Eine Beleidigung kann beabsichtigt werden, ohne ihr Ziel zu erreichen: „Du Arschkriecher!“ — „Danke, ich wusste schon immer, wie man beruflich vorankommt“ oder irrtümlich als solche aufgefasst werden: „Sie haben aber eine putzige Ratte, ist die zahm?“ — „Mistkerl, mein Hund kommt vom Züchter!“. Schließlich muss spätestens vor Gericht geklärt werden, was unabhängig von Absicht und Auffassung als beleidigend gilt.

Wahrheit ist juristisch relevant, aber kein Freifahrtschein

Das Strafgesetzbuch befasst sich in Abschnitt 14 mit den sogenannten „Ehrverletzungsdelikten“, diese sind Beleidigung (§ 185), Üble Nachrede (§ 186), Verleumdung (§ 187) und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener (§ 189). Beleidigungen von Politikern und ausländischen Diplomaten werden gesondert gehandhabt, wobei aber nur das Strafmaß abweicht. Üble Nachrede ist nur dann strafbar, wenn sich die Wahrheit der behaupteten Tatsache nicht beweisen lässt. Im Falle einer Straftat ist das für den Richter einfach, es zählt dann nur, ob jemand verurteilt oder freigesprochen wurde — andere Fälle sind schwieriger. In jedem Fall gilt es, höflich zu bleiben: Bezeichne ich jemanden zutreffend als „Tierficker“ oder konstatiere ich diese Tatsache öffentlichkeitswirksam auf der Geburtstagsfeier des Betreffenden, mache ich mich trotzdem strafbar, wie der Paragraph „Beleidigung trotz Wahrheitsbeweises“ (§ 192) festlegt. Eine Verleumdung liegt dann vor, wenn man wider besseres Wissen handelt (kann das nachgewiesen werden, erhöht sich das Strafmaß erheblich). Was eine Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener ausmacht, wollten die Gesetzgeber nicht erläutern.

Genug der Juristerei. Die Begriffe „Stolz“ und „Ehre“ sind bereits gefallen; ebenso bedeutsam in diesem Zusammenhang ist „Würde“. Ein Definitionsversuch: Würde ist der unbedingte Wert, der jedem Menschen als Person gleichermaßen zukommt und dessen Achtung ein moralisches Grundprinzip ist. Ehre ist das Ansehen, welches das Mitglied einer Gemeinschaft sich nach den Maßstäben derselben verdient hat, und Stolz ist das individuelle Bewusstsein des eigenen Wertes bzw. Ansehens. Je nach Ausprägung kann der Begriff entweder eine Tugend (Selbstachtung) oder einen Charakterfehler (Hochmut) bezeichnen, demnach gibt es einen Stolz, der uns zusteht, und solchen, den wir uns anmaßen.

Verletzt sein, verletzen wollen und objektiv Beleidigendes

Eine Beleidigung beabsichtigt (Sender), bewirkt (Empfänger) oder konstituiert objektiv (Botschaft) eine Kränkung. Verletzt wird der Stolz des Opfers; ob damit eine emotionale Reaktion einhergeht, ist sekundär. Beispiel: Dein Partner beschuldigt dich, die ganze Schokolade allein aufgegessen zu haben. Tatsächlich hast du sie fair aufgeteilt und ordentlich verstaut — dass dein liebster Mensch dir zutraut, derart selbstsüchtig zu handeln, beleidigt dich. Ob in diesem Kontext Ausdrücke wie „Vielfraß“ fallen, verblasst neben der Unterstellung moralischer Verdorbenheit. Auch wenn du dich nicht aufregst, steht dir in diesem Fall eine Entschuldigung zu: Dein Partner wollte dich nicht verletzen, dein Gefühlsleben hat de facto keinen Schaden erlitten, und doch ist die Beleidigung da, sie lässt sich objektiv festmachen.

Oftmals sind Menschen „grundlos“ beleidigt. Es muss entscheidbar sein, ob jemand berechtigt ist, eine Entschuldigung bzw. eine Unterlassung einzufordern, und das kann nur auf der Vernunftsebene geschehen. Im privaten Raum mag man auf kapriziöse, irrationale Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen, im öffentlichen Raum hingegen ist das nicht angezeigt. Selbst wenn Menschen tatsächlich z.B. in ihren „religiösen Gefühlen“ verletzt sind oder etwas als Beleidigung ihres „Nationalstolzes“ empfinden, reicht die subjektive Kränkung allein nicht aus, daran eine Beleidigung festzumachen. Als einzige Ausnahme müssen hier Fälle gelten, in denen der Urheber offenkundig eine Kränkung beabsichtigt und die strittige Handlung bzw. Aussage keinen anderen Zweck erfüllt, als verletzend zu sein. Genau daran bemisst sich der geschützte Status von Satire, wobei man es im Einzelfall mit Grauzonen und Fragen der Verhältnismäßigkeit zu tun hat (vgl. den bereits diskutierten Fall von Jan Böhmermanns „Schmähkritik“).

Spektrum: Vom Mittelfinger bis zur Kreativbeleidigung

Zuletzt ist es interessant, wie weit das Spektrum von Beleidigungsformen reicht und wie nuanciert selbst Vulgarismen sein können. Der Mittelfinger etwa kommt ganz ohne Worte aus und hat überhaupt keine komplexe Bedeutung. Die Geste wird gern mit „Fick dich“ übersetzt, aber das ist kaum hilfreich. Eine Aufforderung zur Masturbation ist objektiv betrachtet weder eine Verwünschung (mir geschieht dabei kein Leid) noch eine Herabsetzung der Würde (daran ist nichts verwerflich oder abstoßend), zumindest gemessen an halbwegs aufgeklärten Maßstäben. Es bleibt also nur die vage sexuelle Konnotation; sinnvoller ist es, den Mittelfinger als rein formale, standardisierte Geste der Respektlosigkeit zu deuten: ‚Ich-möchte-dich-beleidigen-und-mir-fällt-sonst-nichts-ein‘. Kraftausdrücke hingegen können durchaus differenzierter sein. Als „Arschloch“ bezeichnen wir üblicherweise jemanden, dem wir unfaires oder gedankenloses Verhalten vorwerfen. Wörtlich lässt sich das aus dem Ausdruck nicht extrahieren, während  mit „Sesselfurzer“, „Hinterwäldler“, oder „Erbsenhirn“ der Inhalt der Beleidigung metaphorisch verdeutlicht wird.

Ich selbst sehe nach diesem Beitrag schon etwas klarer. Habt ihr noch Fragen? Was sind eure Lieblingsschimpfwörter? Da gibt es ja intelligente und humorvolle Ideen; manche machen das Beschimpfen auch zum Sport — beleidigt fühlt sich dabei aber hoffentlich niemand.

Nachdenkliche Grüße,

euer Vielfrager

Wer ist diese ‚Majestät‘ und warum ist sie so schnell beleidigt?

Die Grenzen von Kunst und Meinungsfreiheit werden in einer freiheitlichen Gesellschaft fortwährend erprobt. Entsprechende Auseinandersetzungen, auch juristische, gehören zum Alltag des öffentlichen Diskurses und sind als Indiz für die Gesundheit einer Demokratie eigentlich zu begrüßen („Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Staatsoberhaupt, von 1-5? Nordkoreaner bitte nicht ankreuzen, es geht direkt weiter mit der nächsten Frage…“)

In den letzten Wochen hat die Debatte darüber einen neuen Höhepunkt erreicht: Das Satire-Lied „Erdowie, Erdowo, Erdoğan“ von extra 3 (17. März, ARD/NDR), die „Nazi-Schnitzel-Satire“ der heute-show (25. April, ZDF) und die Erdoğan-„Schmähkritik“ von Jan Böhmermann (31. März, ZDF neo) lassen die roten Telefone in Europa heiß laufen.

Ich habe mich im Zuge dessen zuerst gefragt, was es eigentlich mit der „Majestätsbeleidigung“ auf sich hat, die in aller Munde ist. Zweitens habe ich versucht, zu einer differenzierten Meinung über Jan Böhmermanns Gedicht zu gelangen, und drittens bin ich ins Grübeln darüber geraten, was genau eine Beleidigung überhaupt ausmacht. Die Ergebnisse:

Das Strafgesetzbuch kennt keine Majestäten

(1) Im Strafgesetzbuch wird die „Beleidigung“ ausländischer Gesandter und Staatsoberhäupter unter Strafe gestellt unter der Bedingung, dass diplomatische Beziehungen zu dem fraglichen Land bestehen. Voraussetzung für eine Strafverfolgung ist, dass die Bundesregierung einem entsprechenden Antrag statt gibt (s. StGB §103 u. §104a). De facto kennt das deutsche Recht also gar keine „Majestäten“, und auch wenn in konkreten Fällen die jeweiligen Staatschefs Monarchen sein können, werden Beleidigungen derselben nicht separat behandelt. Im Falle einer Verurteilung fiele das Strafmaß höher aus, wenn ich statt meiner Nachbarin Barack Obama oder die Queen beleidigen würde (statt einem bis zu drei Jahre Freiheitsentzug).

(2) Hat Jan Böhmermann den türkischen Präsidenten Recep Erdoğan denn nun beleidigt? In der fraglichen Sendung trägt er ein obszönes Gedicht vor, welches zweifellos nicht den Status einer satirischen Kritik für sich in Anspruch nehmen kann, ein entsprechender Sachbezug fehlt nämlich größtenteils (etwa bei den Aussagen über Erdoğans sexuelle Gewohnheiten). Der Text wird dabei als Beispiel für eine rechtswidrige Schmähkritik präsentiert: Wiederholt unterbricht Böhmermann den Vortrag, um darauf hinzuweisen, so dürfe man es auf keinen Fall machen. Der explizite Kontext ist eine Belehrung der türkischen Regierung bzw. des türkischen Volkes über den Unterschied zwischen nach deutschem Recht geschützter Meinungsäußerung und strafbarer Beleidigung.

Satirischer Kontext ist keine Generalentschuldigung

Grundsätzlich ist das legitim — wie witzig man die Sendung findet, ist irrelevant (Hand aufs Herz: Der Vielfrager konnte sich das eine oder andere Grinsen nicht verkneifen, auch wenn es insgesamt zu platt war). Ich kann ja auch problemlos hier feststellen, dass es in Deutschland verboten ist, in der Öffentlichkeit „Heil Hitler“ zu skandieren oder dass es potenziell strafbar wäre, Frau Merkel als „Sumpfkuh“ zu bezeichnen. Allerdings: War es notwendig, im Neo Magazin Royale ein Beleidigungsbeispiel in voller Länge vorzutragen? Ein einzelner Vers hätte zur Illustration genügt. Also kann Herr Böhmermann kaum überzeugend für sich in Anspruch nehmen, er habe nur zitiert, zumal der Text aus seiner eigenen Feder (bzw. der eines Mitarbeiters) stammt.

Liebe Böhmermann-Unterstützer, ich sage euch aufrichtig: Mein erster Impuls war Empörung über Frau Merkels Entscheidung, einem Strafverfahren stattzugeben. Ich konnte diesen Unmut allerdings nicht aufrechterhalten, nachdem ich den Beitrag selbst gesehen hatte. Ich musste mir selbst die Frage stellen: Wenn nicht Herr Erdoğan, sondern … sagen wir mal, Helene Fischer das Ziel einer solchen Satire gewesen wäre — kann man vernünftigerweise von einer vergleichbaren öffentlichen Reaktion ausgehen? Ich glaube nicht. Es würde mit zweierlei Maß gemessen, weil es in einem Fall den „bösen“ türkischen Politiker und im anderen die „gute“ deutsche Schlagersängerin betrifft. Das ist nicht rational, das ist nicht aufrichtig, das ist nicht fair.

Gleiche Rechte für „schlechte“ wie „gute“ Menschen

Zu einer Haftstrafte möchte ich ihn nicht verurteilt sehen, aber ungeschickt und grenzüberschreitend ist sein Beitrag meines Empfindens nach schon. Das Verhalten der türkischen Regierung zeugt auch nicht gerade von souveräner Professionalität, aber die Erwiderung von Fehlverhalten ändert entgegen einer weit verbreiteten Ansicht nichts an seiner Unangemessenheit. Ich hoffe, die Sache lässt sich noch diplomatisch beilegen — wenn ein solcher Konflikt juristisch bis zu einem Urteil ausgetragen werden muss, schmeckt der Sieg des Rechtsstaats fade.

(3) Die dritte Frage lässt sich bei Weitem nicht so leicht beantworten, wie man vielleicht denken würde. Intuitiv scheint sofort auf der Hand zu liegen, was eine Beleidigung ausmacht, aber an einer guten Definition bin ich lange gescheitert. Virulent ist diese Frage unter anderem deswegen, weil das Strafgesetzbuch uns eine Klärung dieses Begriffs vorenthält. Ich bin glücklicherweise kein Jurist (ich hoffe, damit habe ich niemanden beleidigt 😉 ) und kann daher nicht ausschließen, dass an anderer Stelle mehr dazu steht. Es sieht aber so aus, als hätten die Gesetzgeber einen Kriterienkatalog für den Tatbestand der Beleidigung für überflüssig gehalten. Weit gefehlt! Wie fruchtbar und unterhaltsam eine Beschäftigung mit dem Phänomen der Beschimpfung, Schmähung und Verunglimpfung sein kann, lest ihr in meinem nächsten Beitrag.

Bis dahin: Wie empfindet ihr Herrn Böhmermanns Beitrag? Und findet ihr es richtig, die Beleidigung von ausländischen Politikern schwerer zu bestrafen? Baustelle oder nicht, die Social Media Links funktionieren schon, ihr könnt also nicht nur kommentieren, sondern euch gern auch über Twitter oder Facebook äußern, ich freue mich 😉

Nachdenkliche Grüße,

der Vielfrager

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Was soll das werden, wenn’s fertig ist?

Das ist eine berechtigte Frage. Geben wir dem ersten Reflex nach: Was sagt Wikipedia dazu? Unter dem Eintrag „Blog“ heißt es:

Das oder auch der Blog /blɔg/ oder auch Weblog /ˈwɛb.lɔg/ […] ist ein auf einer Website geführtes […] Tagebuch oder Journal, in dem […] der Blogger […] Aufzeichnungen führt, Sachverhalte protokolliert („postet“) oder Gedanken niederschreibt. […] häufig sind die Beiträge aus der Ich-Perspektive geschrieben. Das Blog bildet ein Medium zur Darstellung von Aspekten des eigenen Lebens und von Meinungen zu spezifischen Themen, je nach Professionalität bis in die Nähe einer Internet-Zeitung mit besonderem Gewicht auf Kommentaren.

Um eine Darstellung meiner Person oder meines Lebens soll es hier vordergründig nicht gehen. Wer sich dafür interessiert, ist besser beraten, mich über einer Tasse Cappuccino kennen zu lernen. Nichtsdestotrotz bietet dieses Format individuellere Ausdrucksmöglichkeiten als etwa ein Zeitungsartikel: Meine Schreibe darf sich hier ganz „unverblümt“ präsentieren. Ein zweiter wichtiger Aspekt ist Interaktivität: Etwas nicht verstanden? Anderer Meinung? Ergänzung oder Anmerkung? Nutzt die Kommentarfunktion, lasst uns darüber reden.

Methodisch möchte ich mich an zwei Leitideen orientieren: Professionelle publizistische Standards und kritisches Denken im Rahmen eines vernünftigen öffentlichen Diskurses. Inhaltlich wird es um Überlegungen gehen, die mehr oder weniger vom aktuellen Geschehen bzw. der öffentlichen Debatte angestoßen werden.

Viele Fragen zu stellen, ist in meinen Augen nur sinnvoll, wenn man auch ernsthaft an Antworten interessiert ist. Das Problem dabei: Nicht Wenige sind nur für schlaglichtartige Thesen oder Fragen zu begeistern, die bereits eine Antwort nahelegen. Entscheidend ist aber das Dazwischen: Der Weg von Frage zu Antwort ist selten eine Einbahnstraße ohne Abzweigungen. Eine Antwort ist nur so gut wie die Argumente, auf denen sie beruht. Ergo möchte ich diese unvoreingenommen beleuchten, wobei die Prämisse gilt, dass Texte gleichzeitig unterhaltsam und aufschlussreich sein können 😉

Meine Leser rufe ich dazu auf, mit mir zu denken und als äußeres Korrektiv zu fungieren: Widersprecht mir, berichtigt mich, zeigt andere Sichtweisen auf! Hauptsache, ihr verschweigt eure Gründe dabei nicht.

Nachdenkliche Grüße,

der Vielfrager

Postscriptum: Dieser Blog hat seine Kopfgeburt gerade erst hinter sich. Die frühkindliche Phase birgt große Veränderungen: Lasst sie uns gemeinsam entdecken 🙂

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